1910 Das Jahrhundert-Hochwasser

Das «Jahrhundert»-Hochwasser der Sihl (15. Juni 1910)

Am Sihlau-Steg beim Fabrikkomplex der ehemaligen Mechanischen Seidenstoffweberei Adliswil MSA) erinnert heute eine Markierung an den Höchststand der Sihl beim «Jahrhundert»-Hochwasser vom 15. Juni 1910. Die Abflussmenge der Sihl erreichte damals in Zürich einen Höchststand von 500 Kubikmetern (= 500’000 Liter) pro Sekunde. Zum Vergleich: Beim grössten Hochwasser der letzten Jahre vom August 2005 waren es «nur» 360 Kubikmeter (= 360’000 Liter).Die Wochenzeitung «Chronik vom Zürichsee» berichtete 1910 unter dem Titel «Die Hochwasser-Katastrophe im Sihltal» aus Adliswil:
«Schon am Dienstag, 14. Juni, wälzte die Sihl, unbändig tobend und bei strömendem Regen immer mehr anschwellend, schmutziggelbe Fluten daher, die über Nacht immer höher und gefahrdrohender zum Uferrande stiegen. Der Morgen des 15. Juni sollte die Katastrophe bringen. Die mit der unglaublichen Schnelligkeit von ca. 20 Kilometern pro Stunde daherstürzenden Wasser vermochte das Sihlbett nicht mehr zu fassen; sie traten über die Ufer und einmal frei in ihrem Laufe, begannen sie ihr Verheerungswerk. Die Strassen wurden überschwemmt schon in den frühen Morgenstunden; das schmutziggelbe Wasser stürzte in die Keller, drang in die niederen Wohnungen und verheerte, was ihm in den Weg trat, Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreitend. Und doch hielt sich diese tapfer und wehrte mit Anstrengung aller Kräfte im Vereine mit der aufgebotenen Feuerwehr dem unbändigen Element.

Etwa um 8 Uhr war der Höhepunkt der Katastrophe erreicht. Vom Oberdorf bis gegen den «Adler» und die beiden Schulhäuser hin lag die Strasse einen Meter unter Wasser, so dass Notbrücken errichtet werden mussten. Die Notlage wird den Bewohnern des betroffenen Quartiers wohl zeitlebens in Erinnerung bleiben: Die Strasse ist zum Flussbett geworden, mühsam stampfen sich die Leute durch das tiefe, unsaubere Wasser, das sich diesen Ausweg gesucht hat. Zum Glück hat die Katastrophe keine Menschenopfer gekostet; den schweren materiellen Schaden wird die Zeit wieder verwinden. Eine Unzukömmlichkeit hat das Ereignis noch im Gefolge: die Einstellung des Bahnverkehrs, die wohl eine Reihe von Tagen dauern wird. Möge ein solches Ereignis nicht so bald wieder eintreten!»