Adliswil und die Zeit des Umsturzes

Die Zeit des Umsturzes – Zweiter Koalitionskrieg 1799–1801

Aus Gottlieb Binder – Adliswil

Dem Umsturz ging eine Jahrhunderte dauernde Bevormundung der Landbevölkerung durch das Regiment der Stadt voraus. Das Streben jener betraf zwar nicht in erster Linie die auf die persönlichen Menschenrechte gegründete Freiheit, sondern vielmehr die wirtschaftliche Besserstellung. Das Volk in Zucht und Untertänigkeit zu halten, bildete ein Hauptanliegen der Obrigkeit. Dadurch aber büsste jenes im Laufe der Zeit den Blick aufs Wohlergehen des Ganzen ein. Das städtische Patriziat war eben dem Aufstieg des Bauernstandes durch Bildung und dessen Anspruch auf Gleichberechtigung mit der Bürgerschaft abgeneigt und verlangte strengen Gehorsam von ihm. Es fehlte zwar besonders im 18. Jahrhundert selbst unter den Städtern nicht an einzelnen Persönlichkeiten, welche die unfreie und gedrückte Lage des Bauernstandes als ein Unrecht rügten; allein sie konnten die Sache nicht ändern. Daneben ist aber anzuerkennen, dass die Stadt gegenüber der Landschaft sich nicht hart verhielt. «Die Geschäftsführung der Beamten», schreibt Hans Schulthess, «war peinlich gewissenhaft und sauber, von Bereicherung oder gar Veruntreuung irgendwelcher Art war keine Rede – ein solch Verschulden wäre auch am Sohne einer Patrizierfamilie unerbittlich geahndet worden».

Besonders in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts traten die Vorboten einer kommenden, anders gearteten Zeit immer deutlicher in Erscheinung. Ein tiefes Sehnen nach Bewegungsfreiheit in Handel und Wandel und nach Gleichberechtigung mit den Bewohnern der Stadt ging durchs Land. Das Zeitalter der Aufklärung glaubte nicht mehr an das Auserwähltsein einiger Bevorrechteter, sondern war bestrebt, den Hintangesetzten ihren Wert zurückzugeben. Allein die Herren der Stadt, die auf ihre Sonderstellung nicht verzichten wollten, hatten für all diese Bestrebungen taube Ohren und vermochten nicht einzusehen, dass das Barometer der Zeit auf Sturm stand. Bezeichnend für deren kurzsichtige Einstellung sind die Worte J. C. Lavaters, des Pfarrers zu St. Peter: «Ich begreife die gegenwärtige Politik von Zürich nicht. Sie wollen nichts geben und setzen sich der Gefahr aus, sich alles rauben zu lassen, und doch wäre so manches zu geben, was Recht und Billigkeit verlangt.» So wurde denn das Volk immer empfänglicher für die Ideen der französischen Revolution, und es ist begreiflich, dass unter den obwaltenden Umständen, 1798, dem Eindringen der französischen Heere in unser Land, keine geschlossene, tatkräftige Abwehr entgegengestellt werden konnte. Die Neujahrsglocken von 1798 verkündeten den Anbruch einer neuen Zeit, den Zusammenbruch der überlebten Zustände und ihrer Träger, der Vorrechte der Städte, des Standes und der Person. Leider fehlt es uns am nötigen Raum, um ausführlicher über diesen stürmischen Umsturz zu berichten. Wir möchten nur noch mit einigen Worten auf die Vorgänge in der Pfarrei Kilchberg, zumal in Adliswil, hinweisen.

Auf Befehl der städtischen Obrigkeit und des Generalinspektors Meyer von Knonau hatte sich die Mannschaft von Adliswil, Kilchberg und Rüschlikon Freitag, den 26. Januar 1798, vormittags 11 Uhr in der Kirche Kilchberg einzufinden, wo sie von den Abgeordneten der Regierung mit der gefahrdrohenden Lage des Vaterlandes bekannt gemacht und vereidigt wurde. Kurz nachher erging eine Zuschrift «von Schultheiss», Klein und Grossen Räten, auch Volks-Repräsentanten des Standes Luzern an Löbl. Stand Zürich», die von der Kanzel aus verlesen ward. Sie lautete: «Die Not des Vaterlandes vermehrt sich; einmütig (!) sind wir und unser Volk entschlossen, gegen fremde, feindselige Gewalt zur Verteidigung der Freiheit Gut und Blut aufzuopfern. Unser Landsturm wird bereits in Marsch gesetzt; wir fordern euch zu gleicher Kraft, Anstrengung und Zusendung schleuniger Hülfe auf. Unser aller Freiheit, Religion, Eigentum, alles, was uns teuer und lieb ist, ist gleich gefährdet. Wir wollen unserer Altvordern würdig sein und als freie Männer entweder siegen oder sterben. Dieses sind unsere und unseres ganzen Volkes Gesinnungen.»

Trotz dieser eindringlichen, merkwürdigerweise gerade die «Freiheit» betonenden Aufforderung, erfüllten sich die hinlänglich bekannten Geschicke, und schon anfangs März 1798 wurden in unsern Dörfern die Freiheitsbäume aufgerichtet. Die Mannschaft musste abermals den Eid der Treue schwören, diesmal aber auf die von Frankreich diktierte neue helvetische Verfassung. Die Eidesleistung ward in Adliswil am 3. März auf dem Platze vorgenommen, wo der Freiheitsbaum stand. Dabei kam Kaspar Welti ums Leben. Der Vorgang ereignete sich so: Man hatte den bereits aufgestellten Freiheitsbaum «umgelassen», um eine Änderung daran vorzunehmen. Als man ihn wieder aufrichten wollte, fasste ihn, bevor er senkrecht gestellt und verankert war, ein Sturmwind und schleuderte ihn zu Boden, wobei der Genannte tödlich getroffen wurde. Jede Gemeinde erhielt nun als staatliche Aufsicht einen sog. Agenten. In der Gemeinde dagegen amtete von 1799 an als oberste Behörde, wie heute noch, der von der Gemeindeversammlung gewählte Gemeinderat (damals «Municipalität» genannt). Die erlangte Freiheit blieb nicht ungetrübt. Denn als die französischen Heere im Lande hausten, bildeten Plünderung und Gewalt die tägliche Losung.

Von Kilchberg über Adliswil und dem Fusse des Albis entlang bis zum Triemli hatte 1799 General Mortier seine 9449 Mann starke Division im Kampfe gegen das russische Heer unter Korsakoff aufgestellt. Dabei kamen von Adliswil ums Leben: Hans Jakob Bosshart in Oberleimbach 29jährig, Jakob Günthart im Sood 20jährig und Hans Heinrich Grob im Stieg 18jährig und Hans Balthasar Hottinger im Berg. Schwer betroffen wurden die beiden Gemeinden von den sog. Requisitionen, d.h. den Lieferungen von Wagen und Pferden und vor allem von Lebensmitteln aller Art für Mensch und Tier. So musste Kilchberg vom 19. September bis 4. November abgeben: Am 19. September nach Lachen 1000 Pfund Fleisch, nach Adliswil 8067 Pfd. Heu, 160 Bund Stroh und 30 Viertel Hafer, am 14. Oktober dem Kriegskommissariat in Zürich 500 Pfd. Fleisch, am 21. Oktober den Fuhrleuten 16794 Pfd. Heu, am 4. November in der Gemeinde gegen französische Bons 19908 Pfd. Heu. Adliswil hatte am 22. August, «an welchem Tag die Franken ihr Lager bezogen», diesen zu liefern 1120 Zentner Heu und 600 Zentner Stroh; man erhielt wohl Bons für die Lieferungen, allein beim Vorrücken der Russen wurden die meisten zerrissen. Da die Inanspruchnahme der Gemeinden kein Ende nehmen wollte, verarmten sie. Betreffend Adliswil schreibt z. B. Pfarrer Hans Heinrich Wirz auf Kilchberg 1800 an die Regierung, dass  die Gemeinde zufolge der kriegerischen Vorgänge vollständig verarmt sei. Für das in unsagbares Elend geratene Dorf brachte J. C. Lavater in Zürich 1800 eine sehr ansehnliche Armenspende zusammen. Wie wir oben bemerkten, riefen die Verhältnisse vor 1798 gebieterisch nach einer Umwälzung, und weiteste Kreise unserer Landbevölkerung huldigten vorerst begeistert der französischen Revolution mit ihrer Verkündung der Menschenrechte, die in dem bezaubernden Dreiklang: «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» gipfelte. Als dann aber die Wirklichkeit besonders in den ersten Jahren hinter der Idee zurückblieb, das fränkische Militär bei uns die Brüderlichkeit in hohem Masse vermissen liess und Blut und Tränen reichlich flossen, wandten sich viele angewidert oder gar im Hasse ab. In diesem Sinne ist folgende Begebenheit erklärlich: Als der Unterrichtsminister der «einen und unteilbaren – oder wie die Enttäuschten damals sagten, «unheilbaren» – helvetischen Republik», die Schule des Hans Jacob Günthart, Lehrer zu Adliswil von 1798–1832, besuchen wollte, schleuderte ihm dieser die Worte entgegen: «Mordbrenner von Nidwalden, Ihr habt hier nichts zu tun, russisch oder kosakisch bin ich eher als helvetisch!» Die Revolution war eben wehtuend und wohltätig zugleich, erwies aber unserm Volke die grössten Dienste, brachte es ein starkes Stück vorwärts und machte der bürgerlichen Freiheit eine weite Gasse.